Das späte Frühjahr und der frühe Sommer sind ja bekanntlich jene Zeiten im Jahresverlauf, zu denen wir Bauern unsere Blühwiesen zum ersten Mal mähen, eine Arbeit, die unbedingt getan werden muss, damit diese besonderen und ökologisch äußerst wertvollen Lebensräume in all ihrer botanischen und faunistischen Vielfalt dauerhaft erhalten bleiben. Leider kann es jedoch dabei trotz aller nur erdenklichen Vorkehrungsmaßnahmen immer wieder zu Unfällen mit jungen Wildtieren kommen, bei denen diese von unseren „mörderisch“ effizienten Mähgeräten schwer verletzt oder im schlimmsten Fall sogar getötet werden können. Besonders gefährdet sind in dieser Hinsicht Rehkitze und junge Feldhasen, die im Babyalter noch keinen Fluchtreflex vor herannahenden Gefahren zeigen, sondern, sich auf ihre hervorragende Tarnung verlassend, lieber regungslos im hohen Gras verharren. In Bezug auf eine wirkungsvolle Feindvermeidung hat sich diese Strategie Jahrtausende lang bestens bewährt, sie versagt jedoch kläglich in der Prävention von Unfällen mit den gnadenlos und rasant rotierenden Messern moderner Scheiben- und Trommelmähwerke.

Die herzerwärmende Geschichte von Bernadette, einer inzwischen 11-jährigen Rehgeiß, von der ich kürzlich erfahren habe, und die auf besonders eindrucksvolle Weise von artübergreifenden Freundes- oder gar Liebesbeziehungen zwischen Tieren zeugt, möchte ich den Lesern unserer Zeitung zum Sommerbeginn nicht vorenthalten.

Bernadette musste in den ersten Tagen ihres Lebens eben einen jener schweren Unfälle mit einer Mähmaschine erleiden, der sie eines ihrer Hinterbeine kostete. Durch eine glückliche Fügung im Unglück brachte man damals das schwer verletzte Tier zu Marta Horvath, einer ortsbekannten und sehr engagierten Tierschützerin, die sich aufopferungsvoll um das Rehkitz kümmerte. Aufgrund der fürsorglichen Pflege überlebte es trotz anfänglicher Skepsis wider Erwarten und wuchs sogar zu einer besonders stattlichen Ricke heran, die bis heute in Martas Garten lebt. Eine Auswilderung des zeitlebens wegen seiner Dreibeinigkeit stark gehbehinderten Tieres wäre selbstverständlich zu keinem Moment verantwortbar gewesen.

Das ferne Bellen der Rehböcke, das der Wind in jedem Frühjahr zu Bernadette in ihren eingezäunten Garten trägt, weckt in ihr verborgen geglaubte Sehnsüchte, und es bleibt bis heute ungeklärt, ob wirklich sie es ist, die mehr unter diesem unstillbaren Verlangen leidet oder doch Marta, ihre mitfühlende Pflegerin. Niemals würde Bernadette ihre arteigensten Bedürfnisse und ihre tiefsten Instinkte voll und ganz auskosten können. „Alle guten Dinge sind wild und frei“, sagte schon der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau im neunzehnten Jahrhundert, und wie viele von diesen blieben ihr also? Doch dann geschah etwas wirklich Außergewöhnliches, das uns hoffentlich alle mit Bernadettes grausamem Schicksal ein wenig versöhnt:

Tiger, der Kater aus dem Nachbarhaus, hat, anders als wild lebende Rehböcke, überhaupt keine Scheu vor Menschen, und auch hohe Gartenzäune stellen nicht das geringste Hindernis für ihn dar. Und, er hatte wohl neuerdings ein Auge auf die rehäugige Schönheit in Nachbars Garten geworfen. Anders konnte sich jedenfalls niemand sein auffälliges Interesse an der 11-jährigen Rehgeiß erklären.

Eines Tages nahm Tiger all seinen Mut zusammen und brachte seiner Herzensdame ganz nach Katzenart ein Geschenk. Immerhin gehören ja Geschenke, die von Herzen kommen, frei nach dem bekannten amerikanischen Paar- und Beziehungsberater Gary Chapman zu den klassischen „Fünf Sprachen der Liebe“, die für eine erfüllende Paarbeziehung unumgänglich sind. Tiger musste den mundgerecht und appetitlich zugerichteten, kopflosen Happen  einer frisch erbeuteten Maus in einem unbeobachteten Moment  heimlich, still und leise direkt neben Martas kleingeschnittenen Karotten für Bernadette abgelegt haben. Niemand hatte ihn dabei gesehen oder auch nur gehört. Der Beweis seiner großen Liebe lag einfach plötzlich da. Bernadette mag sich danach gefragt haben, ob es nun die Lerche gewesen sei oder doch vielleicht die Nachtigall, die gesungen hatte, als er heimlich und unentdeckt zu ihr gekommen war.

Tiger und Bernadette sind unzertrennlich seit jenem lauen Frühlingstage, an dem er ihr seine Liebe gestanden hatte. Das Bellen der eitlen Böcke ringsum aus Nah und Fern ist Bernadette seitdem egal. Sie hat nur noch Ohren und Augen für ihren Kater.

Andreas Boisits

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Als Liebesbeweis eine Maus.
Foto: Marta Horvath
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Eine südburgenländische Blumenwiese mit Diptam, Bunter Schwertlilie und Blutstorchschnabel. Rehkitze können am ehesten gerettet werden, wenn die Wiese vor der Mahd in möglichst kleinen Abständen durchschritten wird. Foto: Boisits
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Bernadette und Tiger in trauter Zweisamkeit Foto: Marta Horvath