Kastanienbraune Brander in höchster Vollendung bei den Niederländischen Hochfliegern

„Schornsteinfeger“ werden sie umgangssprachlich genannt, und allen nomenklatorischen Vereinheitlichungstendenzen zum Trotz hielt sich diese blumige und fantasievolle Farbenschlagsbezeichnung bis zum heutigen Tage im Deutschen Rassetaubenstandard. Die Mentoren des rührigen Sondervereins würden sie sich unter keinen Umständen nehmen lassen. Sie ist ein traditioneller und identitätsstiftender Begriff, wie die Darbietung der Züchter dieser Tauben anlässlich des Siegerringwettbewerbes 2011 auf der 93. Nationalen Bundessiegerschau in Dortmund eindrucksvoll bewiesen hat. Umrahmt wurde diese Präsentation unter anderem durch den Auftritt von Frank Weinert in traditioneller Schornsteinfegertracht. Selbst Spitzenzüchter dieses Farbenschlages und im Brotberuf Schornsteinfeger beziehungsweise „Rauchfangkehrer“, wie wir in Österreich umgangssprachlich sagen würden, war ihm dieser Auftritt selbstverständlich eine Herzensangelegenheit.

Der Farbenschlag „Schornsteinfeger“ hatte sich vom einstigen Mauerblümchendasein zur zahlenmäßig stärksten und beliebtesten Farbe überhaupt unter den Niederländischen Hochfliegern gemausert. Enorme Verbesserungen in der Qualität dieser Tiere in den letzten Jahren haben diese Entwicklung ermöglicht. So verwundert es nicht, dass der Dortmunder Siegerring in Gold an Lothar Kämper, Vorsitzender des Sondervereins auf seine Niederländischen Hochflieger im Farbenschlag Schornsteinfeger vergeben wurde. Auch im Jahr darauf, also 2012, waren Niederländische Schornsteinfeger sowohl auf der Europaschau in Leipzig als auch auf der VDT-Schau in Nürnberg stark vertreten. Das Deutsche Championtier der Schau in Nürnberg stellte diesmal Frank Weinert und ein wunderschönes Zuchtpaar aus dem Schlage Kämper wurde auf der bereits traditionellen Versteigerung zu Gunsten der Deutschen Kinderkrebsstiftung zum sagenhaften Preis von 300 Euro versteigert.

Die Besonderheiten

Die Rasse Niederländische Hochflieger hat sich heute, einem allgemeinen Trend folgend, zu einer einfachen, umgänglichen und unkomplizierten Ausstellungstaube entwickelt. Es handelt sich um eine mittelgroße, ruhige, fast waagerecht stehende Taube, die ihre ursprünglich sehr geschätzten Eigenschaften als sportliche Hochflugtaube weitestgehend abgestreift hat. Der ursprüngliche Flugtyp wird zwar von einigen wenigen Enthusiasten immer noch vereinzelt gehalten und geflogen, er spielt jedoch heute nicht mehr jene große Rolle wie noch vor einigen Jahrzehnten. Bekannt war der Niederländische Hochflieger seit jeher als eine Tümmlerrasse mit besonders vielen und attraktiven Farbenschlägen. Deshalb wurde er zu Recht immer wieder als die Farbentaube unter den Tümmlern bezeichnet. Berühmt geworden, und zwar weit über die Grenzen seiner Holländischen Heimat hinaus, ist die Rasse für ihre vollkommenen und nahezu perfekten Weißschilder in Rot, Gelb und Schwarz sowie deren entsprechende Rosettentiger, eine Parallele übrigens zu einigen Wiener Taubenrassen, in denen ja ebenfalls Weißschilder und Rosettentiger (in Österreich „Röserlschecken“ genannt) seit jeher sehr beliebt waren. Ein entsprechendes Pendant zur wohl außergewöhnlichsten Farbe der Niederländer fehlt jedoch bei den Österreichischen Rassen. Es sind dies die branderfarbigen Schornsteinfeger. Auch unter Niederländischen Hochfliegern stellt diese Farbe seit jeher eine außergewöhnliche Besonderheit dar, die in mehrerlei Hinsicht einen recht eigenständigen Entwicklungsweg genommen hat. 

Frank-Weinert
Frank Weinert in seiner Berufskleidung als Schornsteinfeger und Spitzenzüchter Niederländischer Hochflieger (rechts im Bild) bei der Präsentation der Rasse im Siegerringwettbewerb anlässlich der Nationalen Bundessiegerschau 2011 in Dortmund. Zwischen den Damen vom SV Günter Wesch, Vizepräsident des BDRG a.D. Foto: von Lüttwitz
Niederländischer Hochflieger, Schornsteinfeger mit perfekter Branderfarbe bis in den Keil und gebrandeten Schwingen. Sg 94 Z, 61. VDT-Schau Nürnberg 2012. Aussteller: Richard Sabisch, Emsbüren, D. Foto: Boisits

Genetisch verwandte Farbenschläge in anderen Rassen gibt es ihren Ursprüngen nach in Dänemark beim Dänischen Tümmler, in England beim Englischen Schautippler und in Deutschland beim Berliner Kurzen und beim Deutschen Schautippler. Obwohl in der Entstehung der branderfarbigen Niederländischen Hochflieger wohl Dänische Brander Pate gestanden haben dürften, ist meines Erachtens nach heute das farbliche Ideal dieses Farbenschlages bei keiner anderen Rasse vollkommener ausgeprägt und besser auf breiter Basis etabliert als beim Holländischen Schornsteinfeger. Das mag durchaus auch zum Teil darin begründet liegen, dass die Rasse sehr vital und zuchtfreudig ist und keine übertriebenen Forderungen an stark vom Wildtyp abweichende äußerliche Merkmale gestellt werden. Somit ist es möglich aus einer großen Anzahl an Jungtieren seine Zuchtauswahl treffen zu können. Wie schon in einem anderen Artikel über die Branderfarbe der Dänischen Tümmler vom Holländischen Spezialisten Wim Halsema, der in unserer Zeitschrift in der Februarausgabe des Jahres 2012 erschienen ist, zu lesen war, ist die farbliche und typmäßige Verbesserung dieser Tiere äußerst schwierig. Einkreuzungen anderer, genetisch nicht verwandter Farben zur Typverbesserung ziehen fast immer große farbliche Rückschritte in der Branderfarbe der nächsten Generationen nach sich. So mag es verständlich sein, dass die Branderfarbe der Dänischen Tümmler mit ihren markanten Charakterköpfen und den anderen auffälligen Typmerkmalen, obwohl eindeutig älter, im Allgemeinen und auf breiter Basis noch nicht in jener Perfektion vorhanden ist, wie sie von den heutigen Spitzentieren unter den Niederländischen Schornsteinfegern gezeigt wird. 

Brander aus genetischer Sicht

Gebrandete Schwingen eines Schornsteinfegers wie in diesem Fall sind ein angestrebtes Ideal. Foto: Boisits
Hervorragende Schwanzfarbe eines Schornsteinfegers ohne Rußeinlagerungen, scharf abgegrenzter Schwanzbinde mit kastanienbraunem Endsaum. Foto: Boisits

Namensgebend für den Farbenschlag ist der rezessive und autosomale Erbfaktor Branderbronze mit dem Gensymbol „kb“ (englisch für „kite brander“). Er bewirkt in Reinerbigkeit und in Kombination mit der schwarzen Grundfarbe, der Dunklen Zeichnungsanlage und Rezessiv Rot in Mischerbigkeit den bekannten und attraktiven glänzend kastanienbraunen Farbeindruck. In Abhängigkeit von weiteren Modifikatoren beziehungsweise dem Zuchtstand können Körpergefieder, Schwingenspitzen, Unterrücken und Schwanzfedern mehr oder weniger rußig oder sogar schwarz bleiben. Aus diesen schwärzlichen Abzeichen erklärt sich die Assoziation zum während der Arbeit stets „rußigen“ Schornsteinfeger beziehungsweise Rauchfangkehrer. Beim branderfarbigen Niederländischen Hochflieger werden diesbezüglich laut Standardtext schwarz auslaufende Schwingen und eine schwarze Schwanzbinde angestrebt. In den anderen Rassen, in denen Brander vorkommen, gibt es davon leicht abweichende Zuchtziele. So werden beispielsweise sogenannte „gebrandete“ Schwingen, also Schwingen mit kastanienbraunem Saum im Standardtext beim branderfarbigen Dänischen Tümmler explizit erwähnt. Außerdem wird hier zur schwarzen Schwanzbinde ein möglichst kastanienbrauner Schwanz angestrebt. Im Standardtext der Niederländischen Schornsteinfeger fehlen die Forderungen nach gebrandeten Schwingen und kastanienbraunem Schwanz. Ich möchte das Wörtchen „noch“ hinzufügen, denn beide Merkmale sind selbstverständlich bei Spitzentieren vorhanden und werden hier als besonders wertvolle Attribute angesehen. Sie sollten also meines Erachtens bei einer etwaigen Standardänderung baldigst möglich Eingang in den Text finden. Im Standardtext der branderfarbigen Englischen und Deutschen Schautippler, deren Farbenschlagsbezeichnung im Deutschen Rassetaubenstandard „Kupfer“ lautet, wird ein dunkler bis schwarzer Schwanz angestrebt. Und bei den als „kupfrig“ bezeichneten Brandern der Berliner Kurzen sollen Außenfahnen und Federenden der Schwingen sowie Unterrücken, Schwanz und Fußbefiederung blauschwarz sein, wobei sich dennoch eine schwarze Schwanzbinde sichtbar absetzen sollte.

Herrlicher Kontrast des blütenweißen Perlauges zum kastanienbraun glänzenden Gefieder. Foto: Boisits
Ideal gefärbte Täubin ohne Ruß, hervorragender Keil- und Schwanzfärbung und gebrandeten Schwingen. Genetisch nur erreichbar auf Basis einer extrem dunklen Zeichnungsanlage. Hv 96 E, 61. VDT-Schau Nürnberg 2012. Aussteller: Richard Sabisch, Emsbüren, D. Foto: Boisits

Aus genetischer Sicht ist das Ideal, wie es im Standardtext der branderfarbigen Dänischen Tümmler angestrebt wird, züchterisch am schwierigsten umzusetzen. Allerdings ist es nach meiner Meinung auch die schönste Variante und sie ist wie weiter oben bereits erwähnt auf etwas breiterer Basis noch nicht beim Dänischen Tümmler sondern erst beim Niederländischen Hochflieger erreicht. Nur in dieser Rasse werden auf Schauen in immer größerer Häufigkeit Spitzentiere gezeigt, die keinen Ruß im tiefsatten leuchtend kastanienbraunen Körpergefieder tragen, seidenartigen Glanz an Brust und Hals zeigen, einen kastanienbraunen Schwanz ohne schwarze Einlagerungen aber mit klar abgegrenzter schwarzer Schwanzbinde und rötlichem Endsaum besitzen und perfekt schwarz auslaufende Schwingen haben, die als Tüpfelchen auf dem I sogar gebrandet sind. Wer hätte noch vor wenigen Jahren vermutet, dass diese farbliche Idealvorstellung eines perfekten Branders einmal innerhalb dieser Taubenrasse auf derart breiter Basis realisierbar sein würde. Hut ab vor dem Fleiß und dem Können der daran beteiligten Züchter!

Besonderheiten und Probleme in der Zucht branderfarbiger Tauben

1,0 Schornsteinfeger mit deutlichen Farbmängeln. Sehr rußig im Körper und Schwanz, keine gebrandeten Schwingen, farbliche Trennung der Schwanzbinde zu unklar. Hv 96 LB, 27. EE-Europaschau Leipzig 2012. Aussteller: Jean Pierre Nérinckx, Arsi, BE. Foto: Boisits
Leicht abweichende Zuchtziele bei branderfarbigen Deutschen Schautipplern. Hier wird ein dunkler bis schwarzer Schwanz angestrebt. Als Folge bleiben auch die Schwingen schwarz. 1,0 Deutscher Schautippler kupfer, V 97 E, 61. VDT-Schau Nürnberg 2012, Aussteller: Rolf Glaser, Kretzschau, D. Foto: Boisits

Eine Besonderheit in der Zucht unserer Brander ergibt sich aus der Tatsache, dass ein Erbfaktor im Erbgefüge eines gut gefärbten Branders, nämlich das Rezessive Rot, in Mischerbigkeit vorliegt. Als Folge daraus können korrekt gefärbte Brander nicht rein gezüchtet werden, oder anders formuliert es fallen in deren Zucht immer wieder auch zwei Nebenfarbenschläge an. Dies sind einerseits Tiere, die reinerbig für das Rezessive Rot sind und andererseits solche, denen das Rezessive Rot gänzlich fehlt. Erstere sind phänotypisch rezessiv rote Tauben mit mehr oder weniger starken Weißeinlagerungen, die an den Farbenschlag „Rotagate“ aus der Almondzucht erinnern. Zweitere sind im Wesentlichen sehr dunkelgehämmerte Tiere, die ein wenig Bronzeeinlagerungen tragen und optisch an den Farbenschlag „Kite“, ebenfalls aus der Almondzucht erinnern. Trotz der angesprochenen Ähnlichkeit zu diesen beiden Nebenfarbenschlägen aus der Almondzucht, dürfte man natürlich streng genommen bei den Nebenfarben der Brander nicht von „Agates“ oder „Kites“ sprechen, weil sich deren genetischer Hintergrund in einigen Details deutlich von klassischen Agates und Kites unterscheidet. Dennoch wird in der Praxis, wie ja selbst in oben angesprochenem Artikel von Wim Halsema nachzulesen ist, sehr häufig unter genetisch versierten Züchtern ganz einfach von „Agates“ und von „Kites“ gesprochen. Grundsätzlich ist gegen diese Praxis nichts einzuwenden, solange die Züchter sich über die tatsächlichen genetischen Hintergründe ihrer Tiere im Klaren sind, und solange die beiden Nebenfarben der Branderzucht nicht als Ausstellungsfarben anerkannt sind.

Typisch gefärbte Branderkite („Rußfarbige“) aus der Zucht von Ko van Vliet. Foto: van Vliet.

Eine weitere Parallele zwischen der Branderzucht und der Almondzucht stellt die Tatsache dar, dass wohl die am besten gefärbten Tiere in beiden Lagern erst durch mühevolle und langwierige Selektionsarbeit zustande kommen. Aus genetischer Sicht bedeutet dies nichts anderes, als dass neben den bekannten Erbfaktoren im Erbgefüge eines guten Branders wohl einige weitere und unverzichtbare Modifikatoren existieren müssen, die erst für den perfekten Farbeindruck sorgen. Deshalb gestaltet sich die Einkreuzung anderer, nicht verwandter Farbenschläge zur Typverbesserung als derart schwierig und langwierig. In der Regel erleidet dabei die mühsam erzielte gute Branderfarbe für mehrere Generationen wieder gehörige Rückschläge. So kann beispielsweise bereits eine kleine Verschiebung der erforderlichen extrem dunklen Zeichnungsanlage bei gut gefärbten Brandern in Richtung einer genetisch etwas „aufgelockerteren“ Hämmerung zu vermehrter Rußbildung oder gar zu schwarzen Flecken in den Flügelschildern führen. Der am besten gefärbte Brander ohne Ruß trägt, ähnlich einem gut gefärbten Almond, genetisch immer die dunkelste aller möglichen Zeichnungsanlagen.

Paarungsschemata

Wie in der Almondzucht, so gibt es auch in der Zucht von Brandern einige gängige Paarungsschemata der auftretenden Farben untereinander, wenn auch naturgemäß nicht so viele wie dort. Im Wesentlichen sind das die Folgenden:

  • Zwei Brander miteinander verpaart werden in ihrer Nachzucht statistisch 50% Brander, 25% „Agates“ und 25% „Kites“ bringen.
  • Ein Brander gepaart an eine „Agate“ werden in ihrer Nachzucht statistisch 50% Brander und 50% „Agates“ bringen.
  • Eine „Kite“ gepaart an einen Brander werden in ihrer Nachzucht statistisch 50% Brander und 50% „Kites“ bringen.
  • Eine „Agate“ gepaart an eine „Kite“ werden in ihrer Nachzucht statistisch 100% Brander bringen.
Paarungsschema Branderbronze x Branderbronze
Paarungsschema Branderkite („Rußfarbig“) x Branderbronze
Paarungsschema Branderbronze x Branderagate („Rot“)
Paarungsschema Branderbronze x Branderagate („Rot“)

 

 

 

 

Anders als in der Almondzucht hat in keiner dieser Paarungen das Geschlecht der eingesetzten Tauben Auswirkungen auf die Verteilung der Geschlechter in den auftretenden Farbenschlägen.

„Agates“ untereinander verpaart bringen nur „Agates“, und „Kites“ untereinander verpaart bringen nur „Kites“ (übrigens im Gegensatz zu den echten Kites aus der Almondzucht), weshalb diese beiden Paarungen für die Branderzucht keine Rolle spielen.

Fragen zur Nomenklatur

Branderagate aus der Zucht von Roel Bijkerk im Jugendgefieder. Foto: Bijkerk

Sollten die beiden Nebenfarben aus der Branderzucht irgendwann als Ausstellungsfarben nach dem Deutschen Rassetaubenstandard anerkannt werden, so wie das ja mit den Nebenfarben aus der Almondzucht auch einmal geschehen ist, so müssten wie gesagt andere Bezeichnungen für sie gefunden werden, als jene die derzeit unter den genetisch versierten Züchtern umgangssprachlich gebräuchlich sind. Es handelt sich eben nicht um „echte“ Agates oder „echte“ Kites sondern nur um genetisch verwandte Farben. Verwirrend mag in diesem Zusammenhang die englische Bezeichnung „kite brander“ für Branderbronze und das dazugehörige Gensymbol „kb“ wirken, denn beide suggerieren auf den ersten Blick, dass der Erbfaktor Branderbronze ein Allel des Erbfaktors „Kite“ mit dem Gensymbol „K“ sei. Das ist aber nicht der Fall. Die heute gebräuchliche Schreibweise des Gensymbols in zwei kleingeschriebenen Buchstaben („kb“) zeigt uns das sehr deutlich (vgl.: Axel Sell 2012 „Pigeon Genetics, Applied Genetics in the Domestic Pigeon“). Branderbronze ist laut derzeitiger Lehrmeinung also ein eigenständiger Bronzefaktor, der mit dem Erbfaktor Kite nichts zu tun hat. Deshalb können selbstverständlich beide Faktoren jeweils in Reinerbigkeit zusammen auf einer Taube vereint werden, was auch in gut durchgezüchteten Branderstämmen heute bei den meisten Tieren der Fall sein dürfte. Um auch sprachlich eine klare Abgrenzung der „Agates“ und „Kites“ aus der Branderzucht zu den „echten“ Agates und Kites aus der Almondzucht vorzunehmen, sollte man in offiziellen Texten beide Begriffe leicht modifizieren. Passende Ersatzbezeichnungen dafür zu finden, dürfte allerdings nicht ganz einfach sein (-Vorschläge bitte an den Autor). Im Holländischen nannte man die rotagateähnlichen Tiere traditionell „Roodje“ und die kiteähnlichen „Roetje“. Im Deutschen wäre es wahrscheinlich am einfachsten, den Begriff „Brander“ gleichsam als Vorsilbe voranzustellen und von „Branderagates“ und „Branderkites“ zu sprechen, auch wenn das etwas holprig klingen mag. Man müsste dabei allerdings akzeptieren, dass beispielsweise der Begriff „Kite“ im Wort „Branderkite“ dann nicht in Bezug auf einen Erbfaktor oder Genotyp sondern zu einem bekannten Farbeindruck angewandt wird, so ähnlich wie der Begriff „Dun“ in dem Wort „Golddun“, das ja eine Taube beschreibt, die zwar wie eine verdünnte Schwarze aussieht, genetisch aber keine ist. Eine „Branderkite“ sieht zwar ähnlich aus wie eine Kite, ist aber genetisch keine. Ebenso verhält es sich mit den „Branderagates“. Auch sie sehen oft aus wie klassische Agates, genetisch sind sie es aber nicht.

Branderkite („Rußfarbige“) mit ungewöhnlich starkem Bronzeton aus der Zucht von Roel Bijkerk. Foto: Bijkerk

Der Holländische Züchter und genetisch sehr versierte Spezialist Ko van Vliet schlägt als Übersetzung des traditionellen Begriffes „Roetje“ anstelle des holprigen Begriffs „Branderkite“ das deutsche Wort „Rußfarbiger“ vor, was meiner Meinung nach eine recht praktikable Bezeichnung sein könnte. Auch der Begriff „Dunkelbrander“ wurde bereits vorgeschlagen. Obwohl dieser aus genetischer Sicht für ein Tier mit dem Genotyp +//+(.);CT//CT;kb//kb;K//K wahrscheinlich der trefflichste wäre, kommt er leider nicht in Frage, weil er bereits vergeben ist. Und zwar für die klassischen Brander bei den Dänischen Tümmlern, also für Tiere des Genotyps +//+(.);CT//CT;kb//kb;K//K;e//+. In dieser Rasse dient der Begriff „Dunkelbrander“der sprachlichen Abgrenzung zu den sogenannten Hellbrandern, womit getigerte Brander gemeint sind.

Eine Besonderheit der „Branderagates“ im Vergleich zu den echten Agates aus der Almondzucht stellt die Tatsache dar, dass diese häufig besonders viele Weißanteile tragen.

Bereits als Nestlinge erkennt man an der hellen Schnabelfarbe, dass eine Branderagate (rechts) im Nest liegt. Dunkelschnäblige Jungtiere entwickeln sich zu Brander oder Branderkites. Foto: van Vliet.

Es treten sogar neben ganz klassisch gefärbten Tieren immer wieder fast rein weiße Exemplare auf. Klar ist, dass all diese Tiere, so wie klassische Agates aus der Almondzucht auch, in jedem Fall den Weißschildfaktor und den dazugehörigen Enabler tragen (vgl.: Andreas Leiß „Weißschildigkeit bei Tauben“ Geflügelbörse Nr. 4/2006). Hinzu kommen jedoch neueren Forschungen zufolge mindestens Undergrizzle und eventuell weitere Schimmelfaktoren. Eine passende Farbenschlagsbezeichnung anstelle des holprigen Ausdrucks „Branderagate“ müsste für diese Tiere noch gefunden werden. Als interessantes Detail am Rande sei erwähnt, dass selbstverständlich auch Brander und Branderkites diese Schimmelvarianten in ihrem Erbgut tragen, nur wirken sie sich dort optisch meist nicht aus. Als Grund dafür wird deren extrem dunkle Zeichnungsanlage angenommen, die bekanntermaßen die Auswirkungen von Schimmelfaktoren dämpfen kann. Abzuklären wäre jetzt natürlich noch, ob Undergrizzle und eventuell weitere Schimmelfaktoren im Erbgefüge eines Branders gleichsam nur zufällig vorhanden sind, oder ob sie erforderlich sind für die Ausprägung einer guten Branderfarbe, oder ob sie vielleicht sogar „schuld“ sind an den manchmal auftretenden Problemen mit fehlerhaft weißen Federn bei Brandern.

Schlussbetrachtung

Typisch für Branderagates sind deren häufig sehr starken Weißeinlagerungen, die auch Schwingen- und Schwanzfedern betreffen können, …
… was im Extremfall zu fast rein weißen Tieren führen kann. Fotos: van Vliet

Ein schön gefärbter Brander, egal in welcher Rasse er auftritt, gehört zweifellos zu den attraktivsten farblichen Erscheinungen, die die Welt der Rassetauben hervorgebracht hat. Durch jahrzehntelange harte Zuchtarbeit einiger Enthusiasten ist es beim Niederländischen Hochflieger gelungen, dieses farbliche Ideal im Farbenschlag Schornsteinfeger auf breiter Basis und in sehr rassetypischen Vertretern zu etablieren. Perfekt gefärbte und typvolle Schornsteinfeger bleiben heute keine selten anzutreffenden Ausnahmeerscheinungen mehr, sondern sie erfreuen mittlerweile eine große Schar von Züchtern, die ihren Reizen hoffnungslos erlegen ist. Wer immer die Möglichkeit hat, diese Tauben zu halten, ihnen Freiflug zu gewähren oder sie sogar ernsthaft nach den Kriterien ihrer Standardbeschreibung zu züchten, der sollte es unbedingt tun. Ihr leuchtend kastanienbrauner Anblick im strahlenden Sonnenschein, ihr kontrastierend blütenweißes Perlauge, ihre gesamte Erscheinung und ihr Charisma werden ganz von alleine für die entsprechenden Glücksmomente im Züchteralltag sorgen.

Andreas Boisits